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Darmstadt war die aufregendste Zeit

01.07.2009, Darmstädter Echo

DARMSTADT. Dem Schauspieler Sebastian Koch (47) wird am Donnerstag (2.) um 18 Uhr im Glockenhof des Darmstädter Schlosses der Ehrentitel „Bekennender Heiner“ verliehen. Anschließend wird er mit Festpräsident Günther Metzger und Oberbürgermeister Walter Hoffmann das Heinerfest eröffnen. Koch (im Kino: „Das Leben der Anderen“) war von 1986 bis 1990 am Staatstheater engagiert, lebt seit den Neunzigern in Berlin, hat aber den Kontakt nach Darmstadt nie verloren.

ECHO: Herr Koch, vier Jahre waren Sie in Darmstadt am Theater, vor fast 20 Jahren sind Sie nach Berlin gezogen. Und noch immer kommen Sie zurück. Woher rührt diese Treue?

Sebastian Koch: Ich komme ja nicht nur zum Heinerfest zurück, ich hab’ halt einfach noch Freunde da. Das liegt hauptsächlich an den Leuten.

ECHO: Und jetzt werden Sie „bekennender Heiner“.

Koch: Ich fand, der Titel ist schon wieder so typisch darmstädterisch. Sowas kann eigentlich nur einem Darmstädter einfallen. Ich mag das so, das ist wirklich so bekennend. Man bekennt sich ja dazu, das ist nicht aufdringlich, das ist freundlich, wie ja auch der Dialekt ist. Das Frankfurterische ist so ein bisschen hart, das gefällt mir überhaupt net, und dann das weiche Darmstädterische, das ist schon ein gigantischer Unterschied, und das sind gerade mal 30 Kilometer. Das sind Welten.

ECHO: Sie sind ja in Karlsruhe geboren, in Stuttgart aufgewachsen, aber ein Heimatgefühl haben Sie offenbar zu Darmstadt entwickelt. Wie das?

Koch: Was mir an Darmstadt so gefallen hat, ist natürlich auch die Landschaft drumherum, dieses Eingebettete, Freie, da war nicht so viel vorgegeben, auch dadurch, dass die Stadt zunächst nicht so anheimelnd wirkt. Das existiert ja wirklich nur auf Grund der Menschen, die da leben und der Geschichte von der Mathildenhöhe bis zum Büchnerpreis.

ECHO: Sie haben sich mal als Romantiker bezeichnet. Liegt Ihre Treue zu den Heinern auch daran, dass jedem Anfang ein Zauber innewohnt und Sie eben gerade in Darmstadt als Schauspieler Fuß gefasst haben?

Koch: Darmstadt, das war vielleicht die glücklichste Zeit meines Lebens oder die aufregendste, die abenteuerlichste. Man macht ja alles zum ersten Mal, das ist natürlich ein Zauber.

ECHO: Um sich so mit einer Stadt anzufreunden, muss man als Schauspieler aber auch den Weg heraus aus dem Theater finden. Das gelingt nicht jedem. Ihnen offenbar schon.

Koch: Ich hatte damals – und das hat sich heute ein bisschen geändert – Beruf und Privates sehr stark getrennt. Ich dachte immer, wenn Theaterleute nur miteinander kommunizieren, ist es ja die Quadratur des Kreises, die erzählen Geschichten aus dem Leben, aber leben gar nicht mehr, weil sie ja nur noch mit sich zu tun haben. Das wollte ich nicht, hat mich nie interessiert. Ich fand immer das so genannte normale Leben einfach schön.

ECHO: Sie haben sich Freunde außerhalb des Theaters gesucht, mit denen Sie aber auf andere Weise auch stets gespielt haben – vom Casino-Besuch bis zum Backgammon-Abend.

Koch: Das war eine super Clique, es gibt da so Menschen, die einen wunderbaren Humor haben und jeden Mist mitmachen, aber auch dann die Grenzen kennen. Das ist natürlich toll, wenn man in so einer Gemeinschaft zu Hause ist, da kann man so herrliche Sachen erleben, weil man die Grenzen auslotet, wirklich fast wie in einem Kinderspiel, das man immer ausreizt. Das war eine sehr unterschiedliche Truppe – vom Busfahrer über den Sozialpädagogen bis zum Kellner und zum Architekten. Ein Querschnitt war das eigentlich aus der Gesellschaft. Und auch ein Schauspieler war dabei. Aber das war nicht so wichtig. Die haben zwar jede Premiere geschaut, das wurde aber nicht so wahnsinnig heiß diskutiert. Wenn die sagten „subber“ oder „net schlecht“, wusste man, woran man ist. Und wenn es einen dann wirklich interessiert hat, konnte man nochmal nachhaken. Aber meistens war es das dann auch.

ECHO: Was waren für Sie denn die denkwürdigen Momente, die Sie auf der Darmstädter Bühne erlebt haben?

Koch: Sicherlich „Peer Gynt“ 1989. Wenn er die Mutter in den Tod reitet. Da gab es Momente, wo der ganze Saal mit mir geatmet hat. Das sind Augenblicke, wenn man durch eine Fantasie so viele Menschen in seinen Bann zieht.

ECHO: Nun leben Sie aber seit bald 20 Jahren in Berlin. In welchem Kiez sind Sie dort heimisch?

Koch: In Charlottenburg. Ich bin wieder zurück in die Ecke zu meiner Tochter, vorher war ich in Schöneberg, angefangen habe ich in Neukölln, die klassische Nummer. Ich bin gern in Charlottenburg und finde das auch wieder ganz darmstädterisch, ganz kleinstädtisch oder mittelstädtisch. Da gibt es eine Kirche, da gibt es einen Markt drumrum, das mag ich sehr, sehr gerne. Die Kleinstadt in der Großstadt.

ECHO: Kann man als Schauspieler auch eine Heimat in Rollen finden? Ein eigenes Leben im Leben der Anderen? Sie sind ja jemand, der seine Figuren sehr genau recherchiert.

Koch: Das sind Highlights, aber es ist keine Heimat.

ECHO: Ist es dann eher inneres Ausland?

Koch: Bei so einem großartigen Film wie „Das Leben der Anderen“ erreicht man eine so feine Energie, die man auch mitnimmt. Aber Heimat ist ja was, wohin man wiederkehrt. Der Film ist ein großer Moment gewesen, der vielleicht auch in die Geschichte eingehen wird, aber Heimat ist verbindlicher und beständiger. Die Schauspielerei ist für mich immer noch ein Beruf, das Spiel mit der Rolle ist nicht das Zuhause, es ist eine Figur, die man wieder loslässt. Echo: Sie haben ja zuletzt als große Partie fürs Fernsehen Wolf Larsen, den "Seewolf", gespielt und für die Dreharbeiten Kraftsport betrieben. Eine sehr körperbetonte Annäherung. Das ist doch ungewöhnlich für jemanden, der nicht als Verwandlungsschauspieler bekannt ist, der sich mit Rollen nicht maskiert. Koch: Ich bin ja ein sehr physischer Schauspieler, ich suche immer über die innere Haltung die äußere, und die ist ja immer komplett unterschiedlich. Ich bin jemand, der über die innere Haltung zur Figur kommt. Ich muß das Wesen begreifen, im wahrsten Sinne, und dann ist die Haltung eine Konsequenz daraus. Beim "Seewolf" war es mir einfach wichtig, dass ich als Käpten wirklich stark genug bin, um da auch der Chef zu sein, wirklich auf diesem Boot der Boss zu sein und nicht nur so zu tun als ob. Das geht nur, wenn man auch ein bisschen Schmackes zeigt, wenn man jemanden packt und auch mal hochhebt. Das kann ja nicht nur gespielt sein, dieser ganze Respekt, das muss ja wirklich vorhanden sein. Und einfach auch 14 Stunden auf dem Boot zu stehen, allein das auszubalancieren ist eine große Kraftleistung.

Echo: Das kommt Ihnen als passioniertem Motorradfahrer doch sicher jetzt zu gute.

Koch: Das ist leider alles wieder weg. Dadurch, dass ich das nicht mache, um gut auszusehen, einfach weil es diese Rolle verlangt hat, Und dann ist es auch wieder vorbei. Jetzt bin ich wieder normal.

Echo: Sind sie jetzt gleich wieder in Dreharbeiten?

Koch: Ich habe nach dem "Seewolf" eine lange Pause gemacht, die immer noch andauert. Ich habe große Lust zu lesen, das mache ich jetzt öfter und will auch in Richtung Ausland weitermachen. Mir hat das sehr viel Spaß gemacht, auf Englisch zu drehen. Mal schauen, ich bin gerae dabei, diese ganzen Freundschaften wieder ein bisschen aufleben zu lassen. Deswegen habe ich das auch mit Darmstadt gemacht, das ist immer so eine Sache, einen Termin ein Jahr vorher festzulegen und prompt ist es natürlich so, dass ich am selben Tag aus New York komme, mit Jetlag in Darmstadt auf der Bühne stehen werde.

Echo: Was für ein Stress!

Koch: Ja, es ist aber auch einfach wichtig, dass man sich für sowas Zeit freihält. Ich habe mich irre gefreut über die Auszeichnung, das ist für mich wirklich etwas Besonderes.

Echo: Es ist ja auch was Besonderes, dass jemand eine Stadt so lange im Herzen mit sich trägt.

Koch: Ach, wenn ich durch die Fußgängerzone laufe und die Leute sagen: Ich bin mit Ihnen groß geworden - das ist natürlich wunderschön.

Darmstädter Heinerfest

Darmstadt, 2009. Fotocredits: insidia.de, Julia Seidel, Martina Rauter
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