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Die Faszination der Freiheit

19.10.2009, Quelle: teleschau, Kai-Oliver Derks, Fotocredit: ZDF/Chris Reardon

Immer wieder geht er an seine Grenzen. Er spielte Albert Speer, Andreas Baader. Er war Stauffenberg, war Klaus Mann. Nun also ist Sebastian Koch (47) Wolf Larsen, die berühmte Romanfigur aus "Der Seewolf" von Jack London. Jene Rolle, die Raimund Harmstorff einst so populär machte. Die Neuverfilmung (So., 01., und Mi., 04.11., ZDF, 20.15 Uhr) ist näher dran am Buch. Koch verleiht Larsen vielfältigere Charakterzüge. Im Duell mit dem schiffbrüchigen Dandy Humphrey van Weyden (Stephen Campbell Moore) an Bord der "Ghost" offenbart sich das Innenleben des eisernen Kapitäns, der jenseits aller gesellschaftlichen Zwänge sein eigenes Weltbild erschaffen hat.

teleschau: Ein kurzer philosophischer Diskurs zu Beginn - wie ist der Mensch? Von Grund auf gut? Doch böse?
Sebastian Koch: Er ist sicher beides, der Mensch. Der Eine sollte dem Anderen nicht zu sehr trauen. Ohne Böse existiert kein Gut. Und umgekehrt. Wir alle leben zwischen diesen Antipoden. Sie halten unser Leben zusammen. "Der Seewolf" ist sicher auch ein "faustischer" Stoff.

teleschau: Wolf Larsen lebt autark, fernab von anderen gesellschaftlichen Einflüssen, die ihn verändern könnten.
Koch: Da zeigt sich eben, wie der Mensch ohne Gesetze agieren könnte. Aber gleichzeitig ist Larsen ja auch ein sehr romantischer Mensch.

teleschau: Was Sie auch einmal über sich selbst gesagt haben.
Koch: Mag sein, vielleicht hat mich ja deswegen die Rolle so interessiert.

teleschau: Können Sie diese Form von Romantik näher beschreiben?
Koch: Jack London, der Autor, ist ja auch ein Sehnsuchtsmensch. Und Wolf Larsen hat Sehnsucht nach Liebe, die er nicht bekommen hat und die er übrigens auch verweigert. Aber die Sehnsucht nach der Himmelstafel ist in ihm. Sie treibt ihn, lässt ihn auch fast schon väterliche Gefühle entwickeln. Dieser Roman hat so viele Lesarten. Als ich ihn in jungen Jahren zum ersten Mal las, war mir das so noch nicht klar.

teleschau: Um was würden Sie einen Menschen wie Wolf Larsen beneiden?
Koch: Ach, eigentlich ist er eine arme Sau. Arg einsam ...

teleschau: Aber er fühlt sich frei.
Koch: Natürlich. Die Tatsache, dass er niemandem Rechenschaft schuldig ist, dass er sich von niemandem abhängig macht, niemandem in den Arsch kriecht - ich gebe zu: Das hat etwas Faszinierendes. Aber wenn Sie mich nach Neid fragen? Ich weiß nicht, wir leben eben in einer Gesellschaft mit Regeln. Wir haben überall Ampeln. Und jeder wünscht sich doch manchmal, diese Regeln zu durchbrechen.

teleschau: Auch bei den Dreharbeiten selbst mussten Grenzen überschritten werden. Sie fanden ja, anders als bei manch anderem vergleichbaren Film, tatsächlich auf dem offenen Meer statt und nicht in einer künstlichen Kulisse.
Koch: Der Dreh hat sicher eine Eigendynamik bekommen. Wenn es da nach Regeln gegangen wäre, hätten wir gar nicht gedreht.

teleschau: Wie meinen Sie das?
Koch: Ich erinnere mich an eine Situation zu Beginn unserer Arbeit. Es war strahlender Himmel, aber - gewerkschaftlich gesehen - waren eben anderthalb Knoten Wind zu viel. Und dann geschah eben erst einmal nichts. Es stand alles vorm Abbruch.

teleschau: Was geschah dann?
Koch: Ich ging an Deck und hielt eine "Ansprache": Ich versuchte den Leuten klarzumachen, welch wunderbare Gelegenheit sich hier für uns alle bot. Beste Voraussetzungen für einen wirklich schönen Film, und da haben Beamte nichts zu suchen. Wir mussten uns an dieser Stelle entscheiden. Die "kleine" Rede war nötig, der Film war gefährdet.

teleschau: Wer hielt sie? Sebastian Koch? Oder gar Wolf Larsen?
Koch: Ich, aber natürlich im Kostüm. So wirklich war das da nicht zu trennen. Egal, wir haben es durchgezogen. Es war ein heftiger Tag, alle an Bord haben gekotzt. Aber das war die Geburtsstunde dieses Films. Ein emotionaler Moment. Ich konnte und wollte einfach nicht aufgeben, nur wegen dem bisschen Wind.

teleschau: Sie selbst sind ohne Vater aufgewachsen.
Koch: Jack London übrigens auch. Er kannte seinen leiblichen Vater kaum, hat ihn dann sogar später verleugnet. Der Name London stammt von seinem Stiefvater. Mag sein, dass das auch etwas ist, das mich mit diesem Stoff verbindet.

teleschau: Was bedeutet der Begriff "Männlichkeit" für Sie in diesem Fall?
Koch: Es ist sicher eine archaische Männlichkeit. Doch trotz aller Brutalität ist Larsen auch ein väterlicher Freund, er erzieht Van Weyden auf eine subtile Weise.

teleschau: Sie nähern sich der Figur auf sehr körperliche Weise. Wofür steht "Männlichkeit" heute für Sie selbst?
Koch: Ich bin keiner, der diesen Unterschied zwischen Mann und Frau unbedingt betonen will. Aber es ist sicher schwierig geworden. Frauen streben nach der sogenannten Gleichberechtigung. Womöglich gibt es da für den Mann nurmehr diese beschützenden Momente. Wenn die Frau ein Kind gebärt, biologische Vorgänge eben. Das sind Momente des Innehaltens, in denen Rollen verteilt werden.

teleschau: Fühlen sich Frauen Ihrer Auffassung nach von einem wie Wolf Larsen angezogen?
Koch: Sicher. Er hat diese Klarheit, diese Eindeutigkeit in all dem, was er tut. Er unterwirft sich niemandem. Das hat eine Attraktivität. Und er hat ja schließlich einiges zu bieten. An Bord ist er der Beste und besitzt daher die Macht. Als ich über die Rolle nachdachte, fielen mir Politiker aus unserer Zeit ein. Nehmen Sie Kohl, Merkel. Sie betonieren ihre Macht durch eine extreme Vernetzung. Aber Larsen fordert die Macht immer wieder neu heraus, will sie ein ums andere Mal neu beweisen. Er ist interessiert am Gegner, und je besser der Gegner ist, desto besser für ihn. Es gibt ihm eine neue Herausforderung. Das macht Larsen lebendig. Ja, auch liebenswert.

teleschau: Sie selbst sollen Drehpausen immer wieder für Liegestütze genutzt haben.
Koch: Das war auch eine Art Spiel im Team. Es konnte nicht sein, dass da am Set jemand mehr schafft als ich. Das wäre peinlich gewesen.

teleschau: Es gab richtige Duelle?
Koch: Natürlich.

teleschau: Haben Sie alle gewonnen?
Koch: Ja. Und glauben Sie mir, in dieser Rolle war das für mich wichtig.

teleschau: Aber heimlich am Zerquetschen einer rohen Kartoffel haben Sie sich nicht versucht ... Koch: Warum sollte ich? Das ist eine Fingerübung.

teleschau: Nach den Dreharbeiten legten Sie eine größere Pause ein. Fühlten Sie sich leer?
Koch: Ich habe einfach zuletzt sehr viel gearbeitet. Da war es Zeit für eine Pause. Einfach mal aufräumen zu Hause, mich neu sortieren. Mit Freunden treffen. Nur ausruhen. Mein Beruf muss immer mit Spaß und Leidenschaft verbunden sein. Wenn das gefährdet ist, braucht es eine Auszeit.

teleschau: Im August 2009 wurde die Trennung von Ihrer langjährigen Freundin, der Schauspielerin Carice van Houten, bekannt gegeben. Die berufliche Belastung und die räumliche Entfernung zwischen Ihrer Heimatstadt Berlin und Amsterdam wurden als Gründe angegeben. Haben Sie das Gefühl, dass die Preise, die Sie für Ihren Beruf bezahlen, bisweilen zu hoch sind?
Koch: Es ist ein Geben und Nehmen, wie überall im Leben. Es gleicht sich aus. Es ist mein Beruf, ich habe ihn angenommen und natürlich hat er Konsequenzen. Die aber auch durch andere Dinge aufgewogen werden. Ich führe ein wunderbar aufregendes und vielseitiges Leben. Sehen Sie, auch andere zahlen womöglich hohe Preise. Etwa, indem sie einen todlangweiligen Beruf ausüben müssen. Es ist doch so: Je extremer dein Job, desto extremer womöglich die Konsequenzen. Wichtig ist: Ich darf das selbst entscheiden.

teleschau: Gibt es keine Momente, in denen Sie alles hinterfragen?
Koch: Nein. Ich war immer sehr instinktiv bei der Auswahl meiner Rollen. Und zum Glück auch sehr treffsicher. Das hat mich immer weitergeführt. Ich versuche eben, mich nicht abzusichern. Jetzt zum Beispiel drehe ich eine Komödie in England, in englischer Sprache. Dieser Film ist wieder etwas ganz Neues für mich, und ich freue mich sehr darauf. So etwas gefällt mir.

teleschau: Wie sehr hat "Das Leben der anderen" und der Oscar dafür Ihr Leben verändert?
Koch: Es hat mir die Gewissheit gegeben, dass meine Sicht auf den Beruf stimmt. Man kann als Schauspieler mit dem Team etwas verändern, kann etwas in die Welt tragen, wenn alles zusammenpasst. Und in diesem Fall passte alles. Das war schon eine besondere Kraft, die da entwickelt wurde. Dabei gewesen zu sein, macht mich dankbar.

teleschau: Ein glücklicher Moment?
Koch: So ist es. Aber den strebe ich immer an. Diesen Größenwahnsinn habe ich.


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