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Ich war nie einfach zu ködern...

berlinonline.de, 01.04.2006

Sebastian Koch über seinen Part in "Das Leben der Anderen", die Nähe zu seinen Figuren, den ewigen Neuanfang und die Lust, mal mit Juliette Binoche zu spielen.

Als man Ulrich Mühe fragte, wie er sich auf seine Rolle als Stasi-Hauptmann in "Das Leben der Anderen" vorbereitet hat, konnte er als ehemaliger DDR-Bürger antworten: "Ich habe mich erinnert." Für Sie, der den observierten Dramatiker Georg Dreyman spielt, muss es schwerer gewesen sein?

Aber für einen "Wessi" kenne ich nach sechzehn Jahren Leben in Berlin die DDR-Geschichte relativ gut. In meiner Zeit am Schiller-Theater habe ich auch gelernt, dass es eine ganze Reihe von Schauspielern in der DDR gab, auf die zwei bis drei IM angesetzt waren.

War der Dreyman eine Rolle, die Sie sofort begehrten?

Die Schwierigkeit mit dieser Figur war, dass sie mir beim Lesen wie eine Projektionsfläche vorkam. Das ist ein wunderbarer Mann, ist berühmt, hat eine tolle Frau, ist mit Margot Honecker bekannt, Nationalpreisträger, dazu ein begabter Pianist. Die Art, wie er mit seiner Frau umgeht, ist von einer erstaunlichen Weisheit, da dachte ich: So einen guten Menschen gibt's ja gar nicht! Meine Aufgabe war dann, etwas zu finden, was ihn menschlich und fehlerhaft macht, ihm eigene Konturen gibt. Muss man das erarbeiten oder erspüren?Man muss seine Antennen ausfahren, seine Intuition arbeiten lassen, sich auf diese Person fokussieren. Man kann diesen Zugang nicht erzwingen. Irgendwann macht es "Klack" und dann weiß ich, dass ich ins Innere der Figur vorgedrungen bin.

Was war der Schlüsselmoment für den Dreyman, wann hat es "Klack" gemacht?

Als ich die Sonatine hörte, die Gabriel Yared für den Film komponiert hat. Für mich ist die Dreyman: intelligent, voller Gefühl, traurig, schillernd, kompliziert. Die wollte ich dann unbedingt selbst spielen, habe Unterricht genommen und fleißig geübt. Das ist eine fast meditative Annäherung geworden, während ich täglich vier Stunden am Klavier gesessen habe.

Wenn man spontan, nur mit ein paar Stichworten versehen, bei "Das Leben der Anderen" die Figuren den Darstellern zuordnen sollte, würde man sofort sagen: Mühe spielt den Spitzel, Tukur den etwas schmierigen Karrieristen und Koch den Dreyman. Wäre eine andere Zuordnung nicht interessanter gewesen?

Das ist im Nachhinein schwer zu sagen. Mich hat am Dreyman gereizt, dass er nicht so eindeutig ist wie die anderen, sehr viel klarer strukturierten Figuren. Gerade dass es beim Dreyman noch so viel "freie Fläche" zum Ausmalen gab, war spannend. Außerdem habe ich in den letzten Jahren so viele extreme Figuren gespielt, dass es mir gut tat, einen Menschen zu spielen, für den ich nicht drei Stunden in der Maske sitze. Ich habe selten zuvor eine so "nahe", mir so verwandte Figur gespielt.

Aber ich dachte, Sie lieben das ganze Verkleiden, diese allmähliche Verwandlung!?

Ja, schon, aber davon hatte ich zuletzt reichlich. Hier war es schön zu merken, dass es auch ganz anders geht. Dass die Kraft aus der Sparsamkeit, der Zurückhaltung kommen kann.

Ist "Das Leben der Anderen" wichtig als filmischer Beleg dafür, dass die DDR nicht bloß als Komödienstoff taugt?

Vielleicht muss man über das, was man fürchtete, erst einmal gründlich lachen, um die Angst-Dämonen zu vertreiben. Es kann sein, dass ein Film wie "Das Leben der Anderen" direkt nach der Wende zu schmerzlich, noch zu nah gewesen wäre für das Publikum.

Nehmen wir ein paar Ihrer Rollen in den letzten Jahren: Andreas Baader, Richard Oetker, Klaus Mann, Claus Graf Stauffenberg, Albert Speer. Ist das außer Arbeit auch eine Art Geschichtsstudium?

Also bitte, ich bin Schauspieler! Ich habe überhaupt keinen Plan gehabt, aber ich werde doch nicht auf diese fantastischen Rollen verzichten, nur weil sie in der deutschen Geschichte verankert sind!

Einen Plan hatte ich nicht unterstellt. Aber ist es nicht doch erlaubt, spöttisch vom "bestbezahlten Hobby-Historiker Deutschlands" zu sprechen?

Das klingt wie: Der kann nichts anderes. Mich interessiert immer zuerst der Charakter, nicht so sehr, in welcher Epoche oder welchem Land das spielt. In einem Jahr Stauffenberg und Speer spielen zu können, diese zwei Leckerbissen für einen Schauspieler, das kann ich doch nicht aus Furcht ablehnen, in irgendeiner "Geschichtsecke" zu landen! Ich habe einfach konsequent unter allen Angeboten die besten Rollen ausgesucht, daraus ergab sich dann eine Reihe sehr unterschiedlicher, sehr interessanter Menschen. Zudem haben sich die Verfilmungen solcher Stoffe auch stark gehäuft.

Das ist geradezu eine Mode geworden, nachdem die Produzenten gemerkt haben, dass das vom Publikum angenommen wird. Ergibt sich dann ein gewisser Automatismus bei der Besetzung: Man denkt zuerst an die Schauspieler, die man zuletzt in ähnlichen Filmen sah?

Das glaube ich nicht. Ich denke, Heinrich Breloer hat lange gezögert, mich den Speer spielen zu lassen. Er hat mich dann genommen, weil er das Gefühl hatte, dass ihm das auch kein anderer besser spielt.

Es geht mir gar nicht um Schubladen. Aber ist es, war es nicht besonders schön, en passant so viel über das eigene Land zu lernen?

Sicher. Das Bedürfnis, die NS-Zeit nochmal zu betrachten, zu erforschen, hatte ich auf jeden Fall. Da war noch was, da gab es etwas zu klären. Um diese Erfahrungen, dass es mit diesem Land etwas Besonderes auf sich hat, kommt man ja schon als junger Mensch nicht herum. Da reicht ja eine Urlaubsreise ins Ausland, um Merkwürdigkeiten zu bemerken. Man kann seine Wurzeln nicht verleugnen, also muss man auch diesem Unwohlsein nachgehen. Wenn ich über den Beruf die Chance bekomme, mich intensiv damit auseinander zu setzen, so tief einzutauchen, dann nutze ich die natürlich.

Ist es ein Privileg, das im geschützten Rahmen des Spielens zu tun statt anlässlich eines Vaters oder Großvaters, der Aufseher im KZ war?

Ja, aber es bleibt ein todernstes Spiel. So einen wie Speer zu spielen, das ist physisch wie psychisch ein harter Brocken, das erledigt man nicht so einfach mal. Gerade weil man plötzlich anfängt zu verstehen, was in diesen Menschen vorgeht.

Erschrickt man da?

Manchmal schon. Aber natürlich ist eine solche Rolle ein Geschenk für einen Schauspieler. Auch bei einem Film wie "Der Tunnel" war es irre, dass man quasi Geschichte noch einmal nachlebt, wenn auch in einer gebauten Kulisse.

Wie von einer Zeitmaschine dorthin geschleudert?

Wenn man in der Rolle wirklich drin ist, haben diese Szenen ihre ganz eigene Sinnlichkeit. Das sind Momente, die kann man sich nicht erlesen. Dafür bin ich dankbar.

Hat sich Ihr Deutschland-Bild mit jedem dieser Filme noch einmal gewandelt?

Es ist eher so, dass ich Zusammenhänge besser verstanden habe. Wenn man die RAF-Geschichte im "Todesspiel" ansieht, ist das ohne die Nazi-Zeit ja alles nicht denkbar. Leute wie Baader sind vor allem die Kinder ihrer Väter - da gibt es eine explosive Mischung aus Wut, Freiheitsdrang. Und der Speer ist die perfekte Verbindung zwischen den Verbrechen selbst und deren Verschweigen und Verdrängen. Ich habe zumindest ein Gespür dafür bekommen, wie alles miteinander verzahnt ist, oft auf fatale Weise, und wie sehr ich selbst das Ergebnis von Geschichte und ihrer wechselnden Wahrnehmung bin.

Und unendlich.

Ja, wir sehen ja, wie langlebig Vorurteile sind, wie viele Generationen es wohl dauern wird, bis man wirklich von einem vereinten Deutschland sprechen kann.

Geht Ihr Interesse an Geschichte so weit, dass Sie auch Gedenkstätten oder Museen besuchen?

Nicht als Bildungsprogramm. Aber vor dem Dreh zum Stauffenberg-Film bin ich mal mitten in der Nacht zum Bendlerblock gefahren. Da war nicht abgeschlossen und ich bin über diesen Hof gestreift, wo Stauffenberg damals erschossen wurde. Das war schon recht gespenstisch, da zu stehen.

In Ihren Rollen geht es immer wieder um die Frage, wie viel Opportunismus es für eine Karriere braucht. Ist jeder, der aufsteigen will, zu einem Deal mit der herrschenden Macht gezwungen, egal wie diese gerade heißt?

Diese Karriere-Menschen, das ist ein besonderer Schlag. An der extremen Karriere Speers konnte man wunderbar das Bild einer ganzen Generation zeigen, wie sie sich verhalten hat, das ist wie ein Brennpunkt. Das könnte man so nicht am Beispiel eines normalen Bürgers aufzeigen. Speer war der Typ, der sich zurückzieht, der so ängstlich ist, dass er eine Uniform braucht, um Wirbel zu machen. Darum ja auch dieser extreme Selbstbetrug, die extreme Verdrängung des eigenen Tuns bei Speer, da gibt es keine Spur von Wahrhaftigkeit.

Wie politisch engagiert ist denn der Bürger Sebastian Koch?

Ich war und bin kein sonderlich politischer Mensch. Okay, ich war auf zwei, drei Demos in meinem Leben .

Worum ging es da?

Ach, das kam so aus der Nähe zum Theater in Stuttgart, wahrscheinlich ging es gegen den "furchtbaren Juristen" Filbinger. Ich bin keiner, der gern nach "draußen" geht. Ich finde, mein politisches Verhalten beginnt in meinem kleinen Bereich, also zu Hause. Und wenigstens ist mein Verhalten, anders als bei Politikern, halbwegs konsequent. Der Kleinstaat Familie ist mein politisches Wirkungsfeld.

Wie sieht da Ihr Programm aus?

Ich versuche, meiner Tochter nicht bloß abstrakt zu erklären, wie man sich verhalten sollte, sondern es vorzuleben.

Worum geht es Ihnen da? Antirassismus?

Viel einfacher! Statt zu sagen "Lies doch öfter mal ein Buch", lese ich eben viel.

Und das hilft?

Zugegeben, das ist ein sehr kleines Beispiel, aber wenn Papa liest, kann das keine ganz schlechte Sache sein. Besser ist vielleicht aus der Vorbereitung auf "Das Leben der Anderen", als ich am Klavier geübt habe. Das hat sie interessiert verfolgt und gesehen, dass ich das irgendwann konnte und auch stolz war. Das ist viel überzeugender als jedes Reden, als die dutzendfache Ermahnung "Du musst üben!"

Bei Ihren ersten Versuchen, auf eine Schauspielschule zu kommen, wurden Sie abgelehnt.

Ja, aber ich war immerhin in der Endauswahl, das gab mir Mut!

Für wie viele Anläufe hätte Ihre Beharrlichkeit denn noch gereicht?

Schwer zu sagen. Ich wollte zuerst gar nicht unbedingt Schauspieler werden und habe erst während der Vorbereitungen auf die Prüfungen so richtig Lust bekommen. Beim Vorspielen hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, das sei etwas für mich, da hat's mich gepackt.

Gab es da auch einen Schlüsselmoment?

Ja, als ich meinem Kölner Freund Boris Stoffel in seinem Wohnzimmer vorspielte, und der sagte: Wow!

Was haben Sie vorgespielt?

Leonce und den Zettel aus dem "Sommernachtstraum".

Ihre Mutter, die skeptisch war, haben Sie auch auf diese Weise überzeugt?

Ja, mit dem gleichen Programm, ein paar Tage später. Da hat sie gespürt, welche Kraft dieser Wunsch hatte. Ich komme aus einer künstlerisch völlig unbelasteten Familie. Und dann kommt der Bub plötzlich auf diese Idee: Schauspieler will er werden! Da war sie nicht ablehnend, aber doch sehr vorsichtig. Von daher war es für mich wichtig, dass ich mit ihrer Zustimmung in diese fremde weite Welt hinausziehen konnte.

Haben Sie damals auch an Kino und Fernsehen gedacht?

Überhaupt nicht! Ich war ein Theater-Fanatiker, dafür habe ich das alles veranstaltet. Fernsehen war unredlich, unkünstlerisch, zweitklassig. Aber ein bisschen gedreht habe ich dann doch, um die Gage aufzubessern. Das hatte aber eine gewisse Lockerheit, weil ich es nicht zwingend brauchte - aber ich war frei und frech genug, um vieles abzulehnen oder Bedingungen zu stellen.

Waren Sie am Theater auch so ein forscher Anfänger?

Nein, da war ich, der kleine Obertürkheimer Junge, eher ängstlich. Als ich 1990 in die heiligen Hallen des Schiller-Theaters kam, war ich ergriffen.

Aber nicht sehr lange.

Stimmt, da habe ich schnell begriffen, dass die Regierenden in diesem Theaterreich ganz arme kleine Menschen sein können. Diese Entzauberung gehört zum Erwachsenwerden dazu. Ein so gefeierter Mann wie Alexander Lang, der war schon eine herbe Enttäuschung für mich. Puh, was da für eine Möglichkeit vergeben wurde, dieses wunderbare Haus mit seinem herrlichen Ensemble zu neuen Höhen zu führen, unglaublich! Das war die Crème des deutschen Nachwuchses.Peter Lohmeyer, Katja Riemann, Heino Ferch, dazu Katharina Thalbach, Erich Schellow . all diese Chancen, alles verspielt.

Das war für Sie, der Sie ohne Vater aufwuchsen, auch ein bitterer Abschied von der Idee einer Ersatzfamilie?

Ja, weil ich in meiner Jugend gesehen hatte, was Claus Peymann in Stuttgart etablierte, anderswo waren es Peter Stein und Peter Zadek, diese Familienclans: All diese Menschen im künstlichen Raum, unter einer künstlichen Sonne, die ihr Leben dem Schauspiel weihen - da wollte ich auch hin. Aber die Realität am Theater war dann doch ganz anders, diese Epoche war gerade zu Ende, als ich anfing.

Und Berlin 1990 war nicht Stuttgart 1977.

Ja, klar. Auf einmal sollte alles lauter sein, bunter, schriller, sicher auch der neuen Konkurrenzsituation gleich nach der Wende wegen. Es herrschte das reine Formentheater, das Spektakel, das die Texte nur noch als Rohmaterial nahm.

Sebastian Koch, ein früher Konservativer?

Ach ja, da darf man keine Angst haben vor ungeahnten neuen Gesinnungsgenossen.

Nach langer Pause haben Sie zuletzt in Bochum wieder den Weg auf die Bühne gewagt, als Lord Goring in Wildes "Ein idealer Gatte". War es eine schöne Wiederbegegnung?

Am Anfang herrschte Vorfreude, aber mehr noch Angst. Man schleppt diese zuletzt unglückliche große Liebe ja die ganze Zeit weiter mit sich herum. So ein Gefühl wie: Da musst du noch mal hin, nachsehen, ob das ein Fehler war, wegzugehen. Nachzusehen, was es noch an tiefen Gefühlen gibt, wenn man in einem Raum mit 800 Leuten ist, die einen anschauen.

Aber in Berlin hätten Sie das nicht gewagt?

Das ist ja nochmal etwas ganz anderes, wenn man ausgerechnet an den Ort zurückgeht, wo man diese letzte bittere Erfahrung gemacht hat, die man nun beruhigen will.

In Bochum ist es freundlicher?

Das Bochumer Publikum ist echt der Hammer! Die sitzen erwartungsfroh da, bereit für ein Fest. Der Berliner Zuschauer hat ja eher diese defensive "Na, nu amüsier mir mal"-Haltung, da wäre ich gestorben vor Furcht.

Macht das Hunger auf mehr Theater oder war es ein verspäteter Abschluss?

Nein, das wird auf jeden Fall weitergehen, wenn auch nicht fest an einem Haus. Die Abhängigkeiten, die da entstehen, möchte ich nicht mehr.

Sie sind ein Verwöhnter?Ach, was heißt "verwöhnt"?

Ich brauche gewisse Freiheiten, allen voran die, sagen zu können, wenn mir was nicht passt. Das muss gewährleistet sein.

Das und den Mut zur Absage haben Sie schon besessen, als Sie es sich eigentlich noch nicht leisten konnten? Ist das ein Kontinuum Ihrer Laufbahn?

Die Sorge um das Geld, um die Karriere, die reine Existenzangst, das habe ich seltsamer Weise nie empfunden.

Ist das Glück oder Können? Wie viel von jedem?

Zunächst ist es ein großes Geschenk, für das ich meine Mutter immer wieder feiern muss. Die hat mich immer ermutigt, meine eigene Meinung zu haben, sie ernst zu nehmen. Und sie auch deutlich auszusprechen, wenn es nötig erscheint.

Sind Sie ein geduldiger Mensch? Dauert es lange bei Ihnen, bis dieser Punkt erreicht ist?

Heute bin ich schneller mutig. Früher hat es sehr lange gedauert, bis ich mir sicher genug dafür war. Es war auch schwieriger, sich einzugestehen, dass man Menschen falsch eingeschätzt hat. Ich war ja schockiert, als ich begriffen hatte, dass manche Leute hauptsächlich am Theater sind, um Geld zu verdienen, viel Geld, mehr Geld. Dass sie Abfindungen verlangen. Das fand ich ungeheuerlich.

Woran liegt es, dass Sie in den letzten Jahren, wie Sie selbst sagen, "immer die besten Rollen bekommen" haben?

Ich bin immer vorsichtig mit dem überstrapazierten Begriff Glück. Gewiss war ich auch kein Held, aber ich war nie ein Mitmacher, der schnell "Ja, klar" sagt, ich war nicht einfach zu ködern und habe viele Sachen abgesagt, weil ich ein mulmiges Gefühl hatte. Obwohl selbst gute Freunde nur den Kopf geschüttelt und "Bist du wahnsinnig?" geschrien haben. Früher war das irre anstrengend, weil ich mir natürlich weniger sicher war, ob zum Beispiel ein Drehbuch wirklich so schwach ist, wie es mir vorkam. Mittlerweile bin ich recht routiniert im Ablehnen. Was dann übrig blieb, waren die tollen Rollen. Die haben mir dann geholfen, auch weil ich meine Entscheidung rechtfertigen, es also besonders gut machen wollte.

Haben Sie je eine Absage später bereut?

Nein.

Ehrlich?

Ja, ehrlich. Das klingt so kitschig, so heroisch, aber ich habe wirklich nichts aus strategischen Gründen gemacht, habe nie auf eine Karriere hingearbeitet. Nicht aus Edelmut, sondern weil ich das nicht gekonnt hätte, das war eher eine Versagensangst, die sich als hilfreicher Schutzmechanismus erwiesen hat. Dass sich daraus nun doch eine Karriere ergeben hat - na schön.

Leiden Sie unter den Folgen des Ruhms?

Es hat sehr gute Seiten. Wenn die Bekanntheit meines Namens dazu beiträgt, dass das Bochumer Theater reihenweise ausverkauft ist, dann freut mich das durchaus.

Da bekommen Sie eine Antwort "von unten". Ist Ihnen die wichtiger als das Kritikerlob?

Beides ist fein. Wie viel mir Preise wert sind, habe ich auch erst begriffen, als ich sie bekommen habe.

Gibt es auch einen Preis, von dem Sie selbst fanden, Sie hätten ihn nicht unbedingt verdient?

Hmmm. Drehen wir es mal um. Der Deutsche Fernsehpreis für "Speer und Er" hat mir am meisten bedeutet, weil ich das auch als Belohnung für die große Anstrengung, die lange Arbeit betrachtet habe. Da gab es dieses "Verdient"-Gefühl. Was nicht heißt, die anderen wären direkt unverdient. Das ist ja auch nicht kalkulierbar, wer weiß schon, welche Launen die Jurys da befallen. Es ist immer fein, wenn man nominiert ist, es ist schön, wenn man einen überreicht bekommt, auf jeden Fall schöner, als mehrmals von unten zuzusehen, wie ihn ein anderer bekommt.

Wachsen Sie als Schauspieler in unvermindertem Tempo oder gibt es auch Phasen der Stagnation, gar der Sattheit?

Nein, das ist mein Segen und mein Fluch: Dass ich immer wieder ganz von vorne anfange. Mit Lust, aber auch jedes Mal mit einer großen Angst, mit massiven Bedenken, ob ich es wohl schaffe. Wenn ich zusage, geschieht das instinktiv, und dann kommt der Augenblick, wo ich Panik bekomme: Oh, Gott, jetzt muss ich es wirklich machen. Dann schieße ich mich immer in eine spezielle Umlaufbahn und hoffe, dass etwas in mir wächst, dass da etwas kommt. Die Erfahrung zeigt ja, dass bisher immer etwas entstand, eine neue, besondere Fähigkeit, die ich für gerade diese Rolle brauchte. Aber die Angst, dieses Mal könnte es nicht klappen, die bleibt, die begleitet mich. Es ist jedes Mal wieder ein großes Abenteuer.

Das heißt, das ganze schöne Handwerk hilft Ihnen nur wenig?

Es gibt ja Leute, die darauf zurückgreifen, wenn sonst nichts geht. Dann rettet sie ihre Routine. Das geht bei mir nicht, ich bringe dann keinen Satz heraus. Dieser Sockel, den mir das Handwerk bietet, ist sehr schmal, praktisch nicht vorhanden.

Ist das beunruhigend?

Sehr beunruhigend. Aber das gibt mir auch die Gewissheit, dass ich immer mit voller Kraft bei der Sache sein muss. Sie schwärmen von Paris und Rom, haben in den letzten Jahren gelegentlich im Ausland gedreht. Würden Sie das gerne ausweiten?Es kommen Angebote, aber vieles beschränkt sich eben darauf, als Nazi durch die Szenerie zu marschieren. Das brauche ich nicht.

Vor ein paar Jahren durften Sie Cathérine Deneuve im Film "Marie Bonaparte" küssen und haben geäußert, Sie würden das 2006 auch gerne mit Monica Bellucci tun. Wie stehen die Chancen?

Ich will nicht zu viel verraten, also sagen wir: Es ist nicht ganz aussichtslos.

Gibt es weitere Kandidatinnen? Es muss ja nicht unbedingt mit Küssen sein.

Oh, bestimmt.

Ich mache Ihnen mal ein paar Vorschläge: Isabelle Huppert, Juliette Binoche.

Ja! Binoche ist ganz sicher eine Frau, mit der ich furchtbar gerne arbeiten würde. Oder Fanny Ardant, das wär fein. Aber in diese Wunschliste gehören auch Männer: Denzel Washington, William Hurt, so ganz besondere Charaktere, Susan Sarandon . Leute, die im Hollywood-System sichtbar eigene, andere Wege gegangen sind. Solche Leute imponieren mir sehr.

Weil sie so sind, wie Sie auch gerne sein wollen?

Eigensinnig und doch nicht wegzukriegen?Ja, das klingt doch nicht schlecht.

Wird es irgendwann den Regisseur Sebastian Koch geben?

Nicht, solange ich in so schönen Filmen mitspielen kann.

Regisseur wird man aus Frust, wenn die guten Rollen ausbleiben?

Viele andere sind es genau deswegen geworden, und für mich würde das auch gelten.

Sind Sie je der Versuchung erlegen, das bisschen an Handwerk für private Zwecke einzusetzen?

Einer Polizeistreife habe ich mal, bevor die diese ultramodernen Radargeräte hatten, weismachen können, dass mein Auto nie im Leben die 180 km/h fahren könnte, die sie gemessen hatten, wo man höchstens 110 fahren durfte. Das hätte ordentlich Punkte gegeben, den Führerschein weg, da war ich ziemlich motiviert. Das ging ewig hin und her, irgendwann hatte ich sie auf 40 Mark runtergehandelt. Dann ging ich zum Auto und musste feststellen, dass ich mein Portmonee zu Hause vergessen hatte. Das war denen aber mittlerweile alles zu blöde, die wollten mich nur noch loswerden, aber dann fragten sie im Gehen, was ich eigentlich von Beruf sei. "Klempner"?Nein, ich drehe mich um und sage: "Schauspieler." Da haben wir alle drei nochmal herzlich gelacht.

Haben Sie nie einen Wutausbruch bei Gagenverhandlungen hingelegt?

Nein, das würde auch nicht funktionieren. Die Leute, mit denen man es da zu tun hat, sind noch viel abgezockter als wir Schauspieler. Das überlasse ich wirklich besser meiner wundervollen Agentin.

Ist es Ihnen manchmal unheimlich, wie beharrlich Sie gelobt werden?Ist das so?

Ja, das ist so.Die Filme, die ich in den letzten fünf, sechs Jahren gedreht habe, hatten halt alle eine sehr starke Öffentlichkeit.

Das erklärt nicht die einhellige Zuneigung. Über andere Schauspieler, so gut sie auch sein mögen, fällt hin und wieder ein kritisches Wort, nicht über Sie. Beschleicht Sie da das Gefühl, irgendwas falsch gemacht zu haben?

Ich glaube, es hilft, dass ich neben meiner Arbeit so gut wie unsichtbar bin. Bestimmte Teile der Presse brauchen ja dieses Spiel mit den Skandalen. Dafür bin ich nicht gut zu gebrauchen und es ist mir auch ganz gut gelungen, mein Privatleben aus der Presse herauszuhalten.

Dennoch dazu eine Frage: Sind Sie, der Sie ohne Vater aufwuchsen, besonders bemüht, Ihrer Tochter ein "Superpapa" zu sein?

Ich neige nicht zu solchen Superlativen. Das kann ich auch gar nicht leisten, da sie nun mal bei ihrer Mutter lebt. Ich versuche, mich trotz der Trennung so liebevoll wie möglich zu verhalten. Meine Tochter soll wissen, dass ich für sie da bin. Ich bin sehr froh, dass es so ist und dass sie es weiß. Zu meiner Lebensgeschichte gehört, dass mein Vater weg war. Also versucht man, gerade weil man viele Trennungseltern kennt, wo die Kinder unmäßig darunter leiden müssen, diese familiären Traditionen zu durchbrechen, anders damit umzugehen als die Generation vorher.

Eine Art späte Belehrung für Ihren Vater?

Nein, das ist allenfalls ein Nebeneffekt. Aber sicher sage ich ihm mit meinem Verhalten auch etwas. Da sind wir wieder bei meiner Überzeugung, dass Vorleben stärker sein kann als jede Erklärung.

Zum Abschluss noch eine Frage an den Obertürkheimer Jungen: Wer wird nächster Trainer beim VfB Stuttgart?

Ich hoffe, Christoph Daum.

Warum hoffen Sie?

Der kann das. Aber ich fürchte, diese alte Koks-Geschichte verhindert das. Da sind wir Schwaben zu altmodisch.

Und wer kommt stattdessen? Otmar Hitzfeld?

Nur wenn er sich sehr langweilt und wenn er nicht Klinsmann beerbt. Aber so viel Geld hat der VfB nicht.


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