Ich dachte, dass ich einen auf die Nuss kriege | Sebastian Koch Fanwebsite

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Ich dachte, dass ich einen auf die Nuss kriege

Playboy, 2007

Der Schauspieler Sebastian Koch über seine Bedenken, einen sympatischen Nazi zu mimen, persönliche Höhepunkte bei der Oscar-Verleihung und seine geliebte, 20 Jahre alte "Gummikuh".

In Ihrem neuen Film "Black Book" spielen Sie einen sympatischen Nazi-Offizier. Haben Sie sich die Berechtigung dazu durch Ihre früheren Rollen als Hitlers Baumeister Speer und als Widerstandskämpfer Stauffenberg erspielt?

Ich dachte, dass ich gerade deswegen einen auf die Nuss kriege: Mein Gott, er hat so ernste Sachen gemacht, und jetzt kommt er mit einem Nazi-Thriller. So gesehen empfinde ich diese Rolle als sehr reizvoll.

Wie haben Sie reagiert, als der Regisseur von "Basic Instinct" und "Total Recall" Ihnen die Hauptrolle in diesem Widerstands-Drama anbot?

Es war aufregend. Paul Verhoeven ist für mich eine lebende Kinolegende, der mehrfach die Filmlandschaft verändert hat. Mit "Basic Instinct" hat er den Erotikthriller erfunden. Das gab es vorher nicht. Verhoeven ist ein Mann, der immer wieder das Riskiko sucht. Auf auf die Gefahr hin, zu scheitern.

Hatten Sie Zweifel an der Thematik, die Sie erneut in die NS-Zeit versetzt?

Nach Speer und Stauffenberg wollte ich eigentlich keine Uniform mehr anziehen. Begeistert hat mich dann, dass ein ausländischer Regisseur mal nicht den bösen, blonden, blauäugigen Nazi sucht. Und dann verliebt sich der Nazi auch noch in eine Jüdin. Sie viele Tabus, das hat mir gefallen.

Der Film spiel in Den Haag, am Ende des Zweiten Weltkriegs. Wie reagierten die Niederländer darauf?

Die Presse hat den Film sehr gemischt aufgenommen. Ich denke aber, dass die Holländer sehr dankbar waren, dass endlich jemand diese dunkle Seite der Geschichte ans Licht brachte. Und wenn das jemand im eigenen Land darf, dann ist das Paul Verhoeven. Das heimische Publikum gibt ihm Recht: "Black Book" ist der erfolgreichste holländische Film aller Zeiten.

"Black Book" ist auch eine Räuberpistole. Wer den Film naiv betrachtet, könnte sagen: Es gab Böse auf beiden Seiten. Relativiert man da nicht zu sehr?

Bevor der Film in die Kinos kam, wollte jeder Holländer im Widerstand gewesen sein. Und die Deutschen waren ausnahmslos die Bösen. Es war seit 25 Jahren Paul Verhoevens Herzensangelegenheit, mit der Haltung "Wir waren ja gar nicht dabei" aufzuräumen. Es gab viele Nazis in Holland, prozentual wurden in keinem Land mehr Juden ausgeliefert. Und auch im Widerstand gab es Kriegsgewinnler.

Wie gut sind Sie nach all Ihren Rollen über das Dritte Reich informiert?

Bestens. Natürlich habe ich für all diese Rollen viel gelesen. Aber Information ist nicht alles. Beim Spielen geht es ja hauptsächlich um Intuition. Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass die äussere Haltung nur aus der inneren entsteht. Ich würde nie etwas vor dem Spiegel probieren, sondern immer zu schauen: Was ist das für ein Mensch?

Ihre bisherigen Filme über diese Zeit hatten etwas Pädagogisches.

Sie waren nicht pädagogisch, aber sie waren intellektueller als dieser hier. Paul Verhoeven ist kein Intellektueller. Da geht es nie um Feinheiten beim Augenzwinkern. Dafür schafft er es, eine unglaubliche physische Präsenz auf die Leinwand zu bringen.

Sie saßen mit Florian Henckel von Donnersmarck, dem Regisseur von "Das Leben der Anderen", bei der Oscar-Verleihung und sind privat befreundet. Wie haben Sie sich kennen gerlent?

Wir kannten uns bereits eine ganze Weile, als wir über die Rolle des Dreyman sprachen. Er hat sich mir bei einer Premiere als Fan vorgestellt, als einer, der begeistert von meiner Arbeit ist. Meinen Film "Der Mann mit der Maske" beschrieb er mir minutiös, obwohl der damals fünf Jahre zurücklag. Das hat mich beeindruckt.

Hatten Sie keine Angst, dass er als Anfänger "Das Leben der Anderen" nicht umgesetzt bekommt?

Doch, klar. Aber sein Buch und das Ensemble waren so gut, das konnte gar nicht schief gehen.

War das Aufrufen von "Germany: The Lives of Others" der Höhepunkt Ihres zweimonatigen US-Besuchs?

Definitiv, ja. Ein anderer, fast genauso wichter: ein Dinner zwei Abende vor der Verleihung. Jeder Regisseur, der für den Auslands-Oscar nominiert war, präsentierte sich mit einer Rede. Und da konnte jeder spüren, dass da fünf Menschen standen, von denen keine seinen Film wegen der Karriere oder des Geldes gemacht hat, sonder weil er ein kleines bisschen die Welt verändern wollte. Da sitzt man in diesem Riesen-Glamour-Hollywood am Rand der größten Party der Welt und spürt einen glücklichen Moment, der nur mit Kunst zu tun hat.

Das klingt, als ob Sie auch ein wenig desillusioniert sind von Hollywood......

Es ist Business, es ist die Stadt der Träume, ich konnte es irgendwann nicht mehr sehen (zieht sich mit beiden Händen das Gesicht nach hinten zu eine Face-Lifting-Lachen), aber es hat sich immer noch etwas anderes bewahrt: Mit einer starken, einfachen Kraft kann man auch dort weit kommen.

Florian Henckel von Donnersmarck musste für seine selbstbewusste Haltung in Deutschland Kritik einstecken. Zu Recht?

Ich sehe das viel entspannter. Der Mann ist 33 Jahre alt und hat einen Sensationserfolg gelandet. Die ganze Welt liegt ihm zu Füssen. Dass das nicht alltäglich ist, ist doch klar.

Gehen Sie davon aus, dass sein zweiter Film gelingt?

Natürlich wird er einen klasse Film drehen. Der ist ja nicht doof! Ich hoffe nur, dass er etwas Eigenes vorbereiten kann. Gefährlich wird es, wenn man sich von großen Angeboten verleiten lässt und dann von Produzenten beherrscht wird.

Seit der Oscar-Verleihung kennt Deutschland Sie sogar aus den Fernsehnachrichten - da saßen Sie neben dem Mann, der hochspringt. Ein gutes Gefühl?

Ich fand das wunderbar, dass Deutschland so mitreagiert hat. Dass die eben nicht neidisch waren, sondern sich richtig mit uns gefreut haben. Wenn ich hier in Berlin über die Straße laufe, passiert es ganz oft, dass mir jemand zuruft: "Gratulation noch mal!".

Ist das anstrengend?

Meist begegnen die Leute mir respektvoll. Aber man kann dem ja auch aus dem Weg gehen, wenn einem gerade nicht danach ist.

Sind Sie schon mal von Verehrerinnen gestalkt worden?

Ich weiss nicht, ob ich das erzählen sollte, nicht, dass es Nachahmer gibt.

So schlimm?

Nein. Einmal kam ich heim, und der ganze Weg zu meinem Hinterhaus war mit Rosenblättern bestreut.

Und die Verehrerin lag irgendwo am Ende dieses Rosenteppichs?

Gott sei Dank nicht!

Haben Sie gemerkt, dass das Schauspielern Ihren Erfolg bei Frauen steiger

Das kann man schlecht selbst beurteilen. Ich habe den Beruf sicher nicht gewählt, um die tollsten Frauen zu bekommen. Obwohl ich genug Kollegen kenne, die nur aus diesem Grund Schauspieler geworden sind - auch bekennend. Bei mir was das aber nicht der Fall. Dass man trotzdem gern die schönste Frau hat, ist ja selbstverständlich.

Ihre Freundin Carice van Houten haben Sie währen der Dreharbeiten zu "Black Book" kennen gelernt. Hatten Sie Bedenken, dass sich das auf Ihre Arbeit auswirken könnte?

Ich mag das eigentlich gar nicht. Weil ich denke, dass das unter Umständen das ganze Gefüge im Filmteam sprengen kann. Aber wenn man sich verliebt, wenn das stark genug ist, dann ist das eben einfach da.

Hat das die Arbeit nicht gefährdet?

Im Gegenteil, wir haben das dem Film zu Verfügung gestellt.

Kann man das bei privaten Emotionen?

Ja, überraschenderweise geht das, aber es ist ein heikles Thema. Ich bin da so weit gegangen wie sonst nicht. Problematisch wird es, wenn man aus der Figur fällt, wenn es zu privat wird. Dann kann die Emotion so pur sein, wie sie will - es ist einfach scheiße.

Gerade haben Sie im Schauspielhaus Bochum die letzte Aufführung von Oscar Wildes "Der ideale Gatte" hinter sich gebracht. Ihr erstes Bühnenengagement seit mehr als zehn Jahren - hatten Sie nach so langer Zeit Angst vor der Bühne?

Um ehrlich zu sein: große Angst. Aber das Theater war meine alte Liebe, ich wollte wissen, wie viel noch da ist, ob ich es noch kann. Und wir hatten in Bochum eine sehr schöne Zeit. Das Stück war ein Erfolg.

Weshalb haben Sie damals das Berline Schiller-Theater verlassen?

Ich bin nicht in Frieden gegangen. Ich habe gekündigt, weil das für mich einfach nur noch Onanie war, wenn es mal genau sagt. Ich habe "Iphigenie" vor 120 Leuten in diesem riesigen, schönen Theater gespielt. Das ist doch absurd. Aber ich will nicht mehr darauf herumreiten.

Warum waren Sie so enttäuscht?

Mich hat diese Arbeitsweise in den 70er- und 80er Jahren beeindruckt. Ein Theater der großen Regisseure: Peymann, Zadek, Stein. Das waren Teams, die auf allen Positionen sehr gut besetzt waren - mit Menschen, die ich schätze und achte. Das war der Grund, warum ich damals auf die Schauspielschule gegangen bin.

Und dann ging dieses Ideal verloren?

Ja, zu Gunsten des Regietheaters. Es kam auf einmal nur noch darauf an, wer am lautesten war. In der Zeit habe ich den Film für mich entdeckt.

Ihre letzten Projekte waren Kinofilme. Ist Ihnen das lieber als Fernsehen?

Kino ist natürlich das interessantere Medium, weil es durch die große Leinwand eine so gigantische Übersetzung hat. Aber das Projekt muss eben auch entsprechend gut sein. Ich sage oft Sachen ab, weil sie nicht stark genug für das Kino sind.

Wie halten Sie es mit so genanntern Event-Movies fürs Fernsehen?

Da muss man ein bisschen unterscheiden. "Die Entführung des Richard Oetker" oder "Der Tunnel" sind anspruchsvolle Filme - trotz Event. Aber wenn man fünf Events hintereinander sieht, dann ist es kein Ereignis mehr, was es wörtlich übersetzt eigentlich bedeutet. Das Event-Fernsehen hat für mich den Namen mittlerweile nicht mehr verdient, weil es viel zu sehr nach einer Schablone abläuft: Man nimmt einen historisch heftigen Stoff, Special Effects, eine Liebesgeschichte und frisiert das alles auf.

Ende der 70er waren Sie baden-württembergischer Hochsprungmeister - wie weit oben lag die Latte?

Ich glaube, damals bin ich um die 1,65 Meter gesprungen. Meine Bestmarke lag bei 1,85 Meter. Mein Trainer wollte mich dann auf die Olympiade 1980 in Moskau vorbereiten, aber diesen Schritt wollte ich nicht mehr machen. Später war ich dann froh. Auf Grund des Boykotts des Westens häte ich dort gar nicht starten können. Mein Kreuz ist von den vielen Fosbury-Flops trotzdem kaputt.

Schaffen Sie es noch, auf Ihr Motorrad zu steigen?

Ja, aber ich fahre eine BMW R75/5 - mir der fährst du nicht sportlich. Die "Gummikuh", wie sie genannt wird, ist unverwüstlich, ich habe sie schon seit über 20 Jahren.

Aber Sie fahren noch?

Ja, ich bin sehr gern mit meinem Motorrad unterwegs, vor allem im Sommer in Berlin. Früher bin ich richtig viel gefahren, aber wenn man ein Kind hat, wird das weniger.

Sie verbringen viel Zeit mit Ihrer Tochter, leben aber von der Mutter getrennt - eine alternative Form der Familie?

Das ist für mich die einzig mögliche Form, wenn die klassische Familie nicht mehr funktioniert.

Welchem Lager würden Sie sich eher zurechnen - Ursula von der Leyen oder Eva Herman?

Frauen müssen die Möglichkeit haben, ein Kind zu erziehen und trotzdem zu arbeiten, das ist selbstverständlich. Das muss die Politik auch unterstützen, vor allem, wenn es allein erziehende Mütter sind. Denn es ist einfach Fakt, dass sich manche Paare trennen, und das kann auch Frau Herman mit ihrer Theorie nicht rückgängig machen.

Also doch von der Leyen?

Es ist eine Mischung. Beide haben in ihrer Absolutheit nicht Recht. Eine Frau ist eine Frau. Dass sie deshalb kategorisch an den Herd gehört, ist Schwachsinn. Aber es müssen doch auch nicht alle Frauen Bundeskanzler werden.


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