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Ich war ein braver Bub

Der Spiegel, 2007

Film- und Fernsehstar Sebastian Koch, 44, über seine Rollen als guter und als böser Nazi, die historische Verantwortung für die Figuren der Zeitgeschichte und seine schwäbischen Wurzeln.

SPIEGEL: Herr Koch, in Paul Verhoevens neuem Film „Black Book“, einer Art James-Bond-Film vor der Kulisse des Dritten Reichs, spielen Sie nach Albert Speer und Rudolf Höß schon wieder einen Nazi. Warum?
Koch: Einer der Hauptgründe ist Paul Verhoeven, den ich wirklich als einen großen Künstler anerkenne. Und mich hat gereizt, aus diesem Thema einen Unterhaltungsfilm zu machen.

SPIEGEL: Darf man das denn?
Koch: Ich denke, man darf. Unterhaltung eröffnet neue Blickwinkel. In der Schule wurden uns immer nur Schwarzweißfotos der Nazi-Zeit gezeigt. Die haben eine merkwürdige Distanz geschaffen. Während meiner Vorbereitungen zu Speer habe ich dann viele Fotos aus dieser Zeit in Farbe gesehen, die eine erschreckend moderne Wirkung erzeugt haben. Mir wurde klar, das ist das, was wir jetzt machen müssen: die Distanz einreißen. Das tut Verhoeven mit diesem Film. Dadurch wird es zur Jetztzeit. Die Nazis waren nicht nur Monster, sondern auch Menschen. Ich hoffe, es gehen viele junge Zuschauer in „Black Book“ rein.

SPIEGEL: Verhoeven ist ein Action-Regisseur, bekannt durch Filme wie „Total Recall“ oder „Basic Instinct“. Hat der als Nichtbetroffener das Recht, einen Film über die Judenverfolgung zu machen?
Koch: Natürlich hat er das Recht. Diese Zeit hat ihn schon immer beschäftigt, diesen Film wollte er seit 20 Jahren machen.

SPIEGEL: Heißt denn Jetztzeit Showtime for ever? Ist überhaupt vorstellbar, dass sich, wie in „Black Book“, eine Jüdin, deren Familie vernichtet wurde, in Sie als Obernazi verliebt?
Koch: Die Figur heißt Ellis. Alice in Warland.

SPIEGEL: Die NS-Zeit war keine Märchenstunde.
Koch: Ja, natürlich ist die Geschichte eine Konstruktion. Allerdings: Je öfter ich mich mit dem Film beschäftige, desto schlauer kommt er mir vor. Ich finde es toll: Man sucht den Guten und findet ihn nicht. Der Film will alles auf den Kopf stellen. Der Nazi schlägt sich auf die Seite der Widerständler. Verhoeven entlässt den Zuschauer genau mit dieser moralischen Desorientierung.

SPIEGEL: Ist „Black Book“ Ihr Finale im braunen Rollenfach?
Koch: Eher ein letzter Abstecher. Die Abschlussfeier fand ganz offiziell mit dem Albert- Speer-Film statt. Für mich war Heinrich Breloers TV-Dreiteiler so etwas wie ein Masterpiece. Das zu bewältigen hat mich sehr angestrengt.

SPIEGEL: Was war denn so schlimm?
Koch: Speer war ein Täuscher. Und er hat seinen Täuschungen geglaubt. Ein Meisterverdränger, ein großer Verbrecher. Bei Speer ist es unmöglich, ein Bewusstsein zu finden. Das hat mich erledigt.

SPIEGEL: In „Black Book“ verlieben Sie sich in eine Frau, gespielt von Carice van Houten, mit der Sie nun auch privat zusammenleben. Holen Sie sich aus der Kunst Anregungen für das wahre Leben?
Koch: Unentwegt. Man eignet sich für einen Film eine Haltung an, die man nicht einfach wieder ablegt. Das Entführungsopfer Richard Oetker, das ich in Peter Keglevics „Tanz mit dem Teufel“ spielte, hatte eine Haltung, die mich über die Maßen beeindruckt hat. Die Tatsache, dass man als gesunder, vermögender junger Mensch in eine Falle gelockt wird, die einem das ganze spätere Leben verändert – dieses Schicksal anzunehmen, damit zu leben, das hat er geschafft.

SPIEGEL: Sie hatten noch nie Existenzangst. Verraten Sie uns Ihren Trick?
Koch: Vielleicht hat das mit meiner Erziehung zu tun. Und damit, dass ich sehr geliebt wurde. Ich dachte von Anfang an: Die Karriere kommt zu mir. Vielleicht. Oder vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall steht es nicht in meiner Macht. Ich glaube, dass ich kraft meines Seins immer überleben kann.

SPIEGEL: Eine romantische Haltung.
Koch: Ich bin Romantiker, das stimmt.

SPIEGEL: Wir hatten überlegt, welcher Figur Sie ähneln. Und kamen auf Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“.
Koch: So?
SPIEGEL: Nicht, was den Titel betrifft, denn Sie taugen ja viel. Es geht eher darum, dass Sie auch alles auf sich zukommen lassen.

Koch: Ich weiß, was Sie meinen. Ich bin keiner, der alarmiert vorprescht, ich lasse kommen.
SPIEGEL: Ursprünglich wollten Sie Musiktherapeut werden, was ein bisschen nach Frauenversteher klingt …
Koch: … ach so? Na gut, der Wunsch entstand, als ich mit 15 in der Kirche in eine Art Verein eingebunden war, als Leiter einer Jugendgruppe, Jungschar nannte man die damals. Mit denen habe ich keine Andachten gemacht. Dafür habe ich versucht, ihnen soziales Verhalten näherzubringen. Wir fuhren gemeinsam in die Ferien, spielten Fußball, machten Musik. Ich hatte immer meine Gitarre dabei. Und da dachte ich, das kann man verbinden, die Musik und das Soziale.

SPIEGEL: Das sind Milieus, die es heute kaum noch gibt: die Siebziger, dieses Schwäbische, die Sehnsucht in der Provinz, das Frömmelnde und die Enge dabei.
Koch: Oft sind diese Milieus dann ja auch irgendwann explodiert. Viele aus dem terroristischen Umfeld kamen aus solchen Ecken. Ich war halt ganz anders drauf. Ein braver Bub, der die Dinge erfüllen wollte, die erwartet wurden. Andererseits hatte ich, wahrscheinlich durch meine Mutter, den Mut, etwas zu wagen. Nicht blind zu folgen, sondern meinen Weg zu finden.

SPIEGEL: Haben Sie als Stuttgarter eigentlich früher richtig geschwäbelt?
Koch: Ganz grauenvoll.

SPIEGEL: Wie sind Sie das losgeworden?
Koch: Nur sehr schwer. Der Schwabe ist generell mundfaul, und wenn er dann auch noch Hochdeutsch sprechen soll, ist es für ihn, als müsse er eine ganz neue Sprache lernen. Auf einmal soll er sich den Raum nehmen, Endungen auszusprechen. Da hat er Angst und flieht ins Gemurmel. Bis ich mich überhaupt getraut habe, richtig Hochdeutsch zu sprechen, war es ein langer Weg.

SPIEGEL: Sie haben mittlerweile zwei Grimme- Preise gewonnen, den Deutschen Fernsehpreis, den Bayerischen Filmpreis. Und „Das Leben der Anderen“ hat den Oscar bekommen. Sie sind einer der wenigen, die zugeben, wie wichtig Ihnen Preise sind.
Koch: Erst, wenn man sie hat, weiß man ihre Bedeutung zu schätzen. Ein großer Preis ist wie ein Siegel. Man genießt mehr Respekt. Durch einen Preis ist man offizieller, hat Raum und Freiheit beim Drehen, kann mal Sachen probieren und wiederholen. Das darf man normalerweise in Deutschland gar nicht mehr. Bei „Das Leben der Anderen“ war es anders. Der Film ist die perfekte Komposition eines Intellektuellen, Florian Henckel von Donnersmarck. Schauspieler, Kameramann und Regisseur hatten geistig dasselbe Ziel. Nach so einer Gemeinschaft suche ich.

SPIEGEL: Allerdings denkt man bei diesem Film in erster Linie an Ulrich Mühe, dann erst an Sie.
Koch: Hier in Deutschland konzentrierte sich ja alles sehr auf Mühe, auch preismäßig. Mein Part, der idealistische Schriftsteller, ist die dienende Rolle. Aber ohne die ginge der Film nicht auf.

SPIEGEL: Viele kennen Sie als Richard Oetker, Andreas Baader, Klaus Mann, Speer und Stauffenberg. Und nicht als Sebastian Koch. Ist das immer noch so?
Koch: Das schützt mich, so kann ich in Ruhe weiterarbeiten. Das Übersetzte kann viel stärker sein als das Authentische; an diese Energie glaube ich.


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